Die aktuelle sozialpsychologische Forschung geht davon aus, dass es genderspezifische
Gründe für die Beteiligung von Männern an nationalsozialistischen Verbrechen, sowie anderen
aggressiven Kampfhandlungen, gibt. Gesellschaftliche Strukturen fördern und fordern
männliche Aggression z. B. bei der Ausbildung von Männern zu militärischen Kampfmaschinen,
die auch in demokratischen Gesellschaften stattfindet. Die Vermutung liegt nahe, dass
auch weibliche Aggression genderspezifische Ursachen hat. In dieser Magisterarbeit werden
spezifisch weibliche Ursachen gesucht, die dazu führten, dass Frauen gewalttätige KZAufseherinnen
werden konnten, die nicht mehr in der Lage waren, ihr Handeln nach menschlichen
Maßstäben zu beurteilen.
Es geht in dieser Arbeit nicht darum, die Täterinnen als normal
oder pathologisch zu kategorisieren, vielmehr wird die so genannte Normalität in der Zeit
des Nationalsozialismus genauer untersucht. Was Normalität ist hängt von den Werten der
jeweiligen Gesellschaft ab. Die Autorin untersucht die Auswirkungen dieser äußeren, historischen
Bedingungen auf die Psyche der Einzelnen und kommt zu folgendem Schluss: Für
Frauen, die als Aufseherinnen arbeiteten, war die prinzipielle Übereinstimmung mit nationalsozialistischen
Vorstellungen von höher- und minderwertigem Leben Normalität. Zur selbstverständlichen
Akzeptanz dieser Werte kommen im Konzentrationslager Mechanismen, wie
Anpassung an die Gruppe oder Angst vor autoritären Vorgesetzten hinzu.
Dennoch sind die
ideologische Überzeugung und die Anpassung an die Situation keine hinreichenden Erklärungen
für die gewalttätigen Handlungen der Aufseherinnen. Die Frage, wie die Täterinnen die
Tötungshemmung überwinden konnten und worin dabei das spezifisch weibliche Moment
liegt, wird deshalb von verschiedenen Untersuchungsperspektiven her beleuchtet.